Zerbster besuchen evangelisch-lutherische St. Petrikirche in St. Petersburg

Zerbster besuchen evangelisch-lutherische St. Petrikirche in St. Petersburg

von Annegret Mainzer, Zerbst

Vom 6.- 11. Juni diesen Jahres weilte eine Delegation aus Zerbst/ Anhalt zu einem Besuch in der russischen Partnerstadt Puschkin/ St. Petersburg. Die Mitglieder des Vorstands des Fördervereins Schloss Zerbst e.V. unter der Leitung des Vorsitzenden Dirk Herrmann und die Zerbster Kulturamtsleiterin Antje Rohm trafen sich mit Vertretern der Puschkiner administrativen und musealen Sphäre und besichtigten vor allem Schlösser und Paläste, u.a. auch den weltbekannten Katharina-Palast mit dem wahrscheinlich noch berühmteren Bernsteinzimmer.

Eine Besichtigung jedoch fiel etwas aus dem Rahmen, hatte sie auch mit einem historischen Gebäude zu tun, aber weniger mit dem Prunk, der sich in herrschaftlichen Palais der russischen Zaren und Großfürsten finden lässt.Die Zerbster trafen sich mit dem aus Thüringen stammenden Michael Schwarzkopf, Pfarrer an der evangelisch- lutherischen St. Petrikirche auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg.

zerbstergazette im Gespräch mit Pfarrer Schwarzkopf
zerbstergazette im Gespräch mit Pfarrer Schwarzkopf

Die heutige St. Petrikirche auf dem Newski-Prospekt wurde nach Plänen des Architekten Alexander Brüllow (1798- 1877) im Jahre 1838 fertiggestellt. Die Weihe der im Kirche erfolgte am Reformationstag 1838. Ihr Interieur prägten Altargemälde und Werke seinerzeit namhafter Maler wie Holbein d.J., Johann Fr. Groth und Karl Brüllow. Im Jahr 1895 begann die zweijährige Restaurierung des Innenraums der Kirche unter der Leitung des Architekten Maxim Mesmacher. 1912 waren in der Gemeinde etwa 15 000 Glieder registriert.

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Anhaltische Spuren in St. Petri

Im Kirchenleben des 18. und 19. Jahrhunderts der St. Petrikirche in St. Petersburg lassen sich auch anhaltische Spuren finden: So wurde dort Wolfgang Maximilian Fuchs, der Sohn des aus 1783 in Raguhn bei Dessau geborenen Komponisten und Musikers Johann Christian Leopold Fuchs, getauft. Taufpate war der aus Zerbst stammende Ferdinand Adolph Gelbcke (1812- 1892), seinerzeit Schriftsteller, Literaturtheoretiker, Musikpädagoge, Komponist und Übersetzer in St. Petersburg. Ebenfalls in der St. Petrikirche wurde im Jahr 1802 Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) getauft, der ab 1834 Hofmaler und Gesellschafter des Herzogs Alexander Carl von Anhalt-Bernburg (1805-1863) war.

Der St. Petrikirche war die 1710 gegründete Petrischule angegliedert, die der berühmte Kinderarzt und Sohn eines aus Zerbst stammenden Schneidermeisters Carl Andreas Rauchfuss von 1844- 1851 besucht hatte.

Einen tragischen Einschnitt in das Zusammenleben von Russen und Deutschen im Russischen Reich und somit auch in das Gemeindeleben der St.Petrikirche stellte der Ausbruch des 1. Weltkrieges dar: Die hoch ausgeprägte Bereitschaft der Deutschen, sich im Russischen Reich zu assimilieren, zeigte sich auch darin, dass nach der Kriegserklärung Deutschlands an Russland im Sommer 1914 in der St. Petrikirche ein Bittgottesdienst für den Sieg Russlands abgehalten wurde, der mit dem dreimaligen Singen der russischen Nationalhymne endete. In jenen unheilvollen Tagen waren viele Deutsche bereit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, nur um Russland nicht verlassen zu müssen.

Jäh endete das Gemeindeleben von St. Petri im Jahr 1917, da viele Deutschstämmige dem Russischen Reich den Rücken kehren mussten. Es erfolgte die Verstaatlichung des Kirchengebäudes samt der dazugehörigen Immobilien. Weihnachten 1937 standen die Gläubigen vor verschlossener Kirchentür. Der damalige Pastor Paul Reichert und sein Sohn Bruno waren festgenommen worden. Die kostbaren Gemälde aus dem Kircheninnern transportierte man in die Eremitage und in das Russische Museum. Unbekannt ist das Schicksal der damaligen Orgel, auf der schon der bekannte russische Komponist Peter Tschaikowski gespielt hatte, geblieben. Bis 1962 wurde die Kirche als Lagergebäude genutzt. 1962 kam es zur Eröffnung eines Schwimmbades im Kirchengebäude mit einem Becken, in dem 25 m lange Bahnen geschwommen werden konnten.

Erst 1993 erfolgte die Rückgabe des Kirchengebäudes an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS). 1997 erfolgte die Einweihung der Kirche. Derzeit feiern die Gemeinden von St. Annen und St. Petri ihre Gottesdienste in diesem Kirchengebäude.

Das Orgelprojekt von St. Petri

Während des Treffens mit Pfarrer Michael Schwarzkopf erfahren die Zerbster, dass die St. Petrikirche an vielen Stellen einer baulichen Erneuerung bedarf, aber ohne zusätzliche finanzielle Spritzen ist dies von der heutigen Gemeinde allein kaum zu stemmen. Aber damit, dass die Kirche mehr als 400 Menschen bei Konzerten Platz bietet, kann die St. Petrikirche punkten. Da das Interesse der Petersburger an Orgelkonzert in den letzten Jahren gewachsen ist, könnten eintrittspflichtige Orgelkonzerte die Kirchenkasse füllen, doch weit gefehlt, denn es fehlt eine große Orgel.Zurzeit gibt es nur eine kleine Orgel.

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Der Einbau einer neuen Orgel ist zurzeit für die Kirchengemeinde unbezahlbar, jedoch hat die St. Petrikirche die Chance, aus der evangelischen Kirche in Stockholm eine gebrauchte, aber funktionstüchtige Orgel zu einem akzeptablen Preis zu erwerben. Doch auch diese etwa 135 000 Euro für Kauf, Transport und andere Formalitäten wollen erst einmal gesammelt werden. Erschwerend kommt noch dazu, dass die St. Petrikirche selbst kein Spendenkonto für finanzielle Hilfe aus dem Ausland führen darf. So springt die Hamburger St. Michaelisgemeinde mit der Verwaltung des Spendenkontos in die Bresche.

Katakomben als Zeugen der Kirchengeschichte

Nach der Besichtigung des heutigen Kirchenraumes führte Pfarrer Schwarzkopf die Zerbster Delegation in die Katakomben, wo die hohe Baukunst des 19. Jahrhunderts und fanatische Zerstörung des 20. Jahrhunderts aufeinandertreffen. In den Katakomben der Kirche sieht man die Füße der Kirchensäulen auf dem Fundament des einstigen Kirchenraumes sowie die Reste des Schwimmbeckens. Einen krasseren Gegensatz von menschlichen Geisteshaltungen ist wohl kaum an einem anderen Ort zu erleben.

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2007 kam der amerikanische Künstler Matt Lamb und gestaltete diese Katakomben mit christlichen Motiven nach dem Motto Liebe, Freiheit, Frieden!. Dabei nutzte er Regenschirme als Symbol für die Obhut der Menschen.

Die Wände der Kellerkapelle gestaltete der in einer nahe St. Petersburg gelegenen deutschen Kolonie geborene russlanddeutsche Maler Adam Schmidt. Seine Wandbilder erzählen von seinem schicksalhaften Leben, das durch Deportation, Arbeitslager, Flucht und Gefängnis geprägt war.

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Hat man die Katakomben der St. Petrikirche in St. Petersburg und die Wandbilder von Adam Schmidt, die eine deutliche Sprache sprechen, mit eigenen Augen gesehen, dann befallen den Betrachter zunächst Kopfschütteln und Sprachlosigkeit und man versteht, was wahre Unterdrückung der Glaubens- und Religionsfreiheit bedeutet.

Wer also das Orgelprojekt der St. Petrikirche in St. Petersburg unterstützen möchte, kann sich auf der homepage der Gemeinde informieren oder zur Tat schreiten, hier die Informationen dazu:

http://www.petrikirche.ru/home-de/

Spendenkonto:

Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Verwendungszweck: Orgel für St. Petersburg

IBAN DE49 2005 0550 1226 1252 25

BIC: HASPDEHHXXX

Jeder Anfang ist schwer, den Gläubigen aber hilft der Herr.

Zerbst, den 05. Juli 2016  Annegret Mainzer

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